Traum oder Realität?

Panel Discussion
Bild: TeDo Verlag GmbH

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie viel Plug&Play in der Praxis tatsächlich möglich ist und wo Individualisierung, Optimierung und Engineering weiterhin unverzichtbar bleiben. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Anbieter von Embedded-Vision-Komponenten zwar Produkte verkaufen, den Großteil ihres Umsatzes jedoch projektbasiert erzielen. Kunden suchen in der Praxis weniger einzelne Bausteine als vielmehr Lösungen für konkrete Applikationen. Diskutiert wurde, ob Embedded Vision heute primär Projektgeschäft ist und was erforderlich wäre, um echte Plug&Play-Ansätze zu etablieren.

Projektgeschäft oder Produktbusiness?

Einigkeit bestand darin, dass Embedded Vision selten ein klassisches Off-the-Shelf-Geschäft ist. Zwar entstehen am Ende Serienprodukte, doch fast immer gehen diesen Anpassungen oder Entwicklungsleistungen voraus. Selbst wenn Plattformen, SOMs (System-on-Modules) oder Referenzdesigns standardisiert sind, bleibt ein gewisser Projektanteil. Sei es durch mechanische Restriktionen, Leistungsanforderungen, Energieverbrauch, Kostenrahmen oder applikationsspezifische Modifikationen.

Der Projektcharakter hängt stark davon ab, wie tief individualisiert wird: Wer nur ein Standardmodul integriert, bewegt sich näher am Produktgeschäft. Sobald jedoch Carrier-Boards, Plattformen oder spezifische Hardware-Designs angepasst werden, wird es eindeutig projektgetrieben. Embedded Vision ist damit häufig eine Mischform: standardisierte Bausteine, eingebettet in kundenspezifische Anpassungen.

Stückzahlen und Wirtschaftlichkeit

Die Frage nach wirtschaftlich sinnvollen Volumina wurde differenziert beantwortet. Entscheidende Faktoren sind Plattform, Zielmarkt und Grad der Individualisierung.

Bei bestehenden Referenzdesigns können bereits geringe Stückzahlen wirtschaftlich sein. Sobald jedoch Neuentwicklungen oder umfangreiche Anpassungen erforderlich sind, müssen NRE-Kosten (Non-Recurring Engineering) über entsprechende Volumina amortisiert werden. Für bestimmte Plattformen wurde eine Größenordnung von etwa 100 Stück als Richtwert genannt, während in industriellen Anwendungen oft niedrige Tausenderbereiche üblich sind. Im Consumer-Bereich hingegen bewegen sich wirtschaftliche Volumina eher in Zehn- oder Hunderttausenderstückzahlen.

Letztlich gilt: Nicht allein die Stückzahl entscheidet, sondern das absolute Projektvolumen und die Komplexität der Anpassungen.

Erwartungen an Software und Applikationsebene

Die Erwartungen der Kunden unterscheiden sich deutlich je nach Position in der Wertschöpfungskette. Viele Embedded-Kunden erwarten primär stabile Treiber, eine funktionierende Integration in ihre Plattform sowie Zugriff auf Bilddaten in ISP und GPU. Open-Source-Frameworks wie GStreamer oder DeepStream spielen eine große Rolle. Gleichzeitig zeigt sich ein Trend hin zu umfassenderen Lösungen: Kunden wünschen zunehmend einen Single Point of Contact, der Hardware, Treiber, Board-Support-Packages, Optimierungen und gegebenenfalls AI-Integration bündelt. Software wird dabei immer wichtiger, sei es für Streaming, OTA-Updates, Monitoring-Funktionen oder AI-Integration. Häufig gilt eine 80/20-Logik: Ein Großteil der Basisfunktionalität ist standardisiert, der entscheidende Aufwand liegt jedoch in der applikationsspezifischen Anpassung.

Modulares Baukasten-Prinzip

Die Idee, Embedded Vision wie ein System aus standardisierten Bausteinen zusammenzusetzen, wurde intensiv diskutiert. Zwar existieren modulare Ansätze mit enorm vielen Kombinationsmöglichkeiten, doch selbst umfangreiche Baukastensysteme decken nicht alle Anforderungen vollständig ab. Ein zentrales Problem bleibt die Systemkomplexität: Optik, Sensor, Compute-Plattform, Mechanik, Treiber und Software greifen ineinander. Unterschiedliche Kabel, Steckverbinder, Schnittstellen und Leistungsanforderungen erhöhen die Integrationskomplexität zusätzlich. Plug&Play bedeutet daher nicht „keine Integration“, sondern lediglich eine stärkere Vorstrukturierung der Integrationsarbeit. Partnerschaften zwischen Hardware-, Software- und Plattformanbietern wurden als entscheidend angesehen, um funktionierende Gesamtlösungen bereitzustellen. Dennoch bleibt spezialisiertes Knowhow erforderlich.

Standardisierung versus Individualisierung

Standardisierung wurde als wesentliche Voraussetzung für Plug&Play identifiziert, etwa durch etablierte Schnittstellen, APIs oder Kommunikationsprotokolle. Gleichzeitig existiert im Embedded-Bereich eine starke Kultur der Optimierung bis ins Detail, etwa hinsichtlich Leistungsaufnahme oder Baugröße. Diese Optimierung steht teilweise im Widerspruch zu Standardlösungen, die zwangsläufig Kompromisse darstellen. Hinzu kommen Abhängigkeiten von Plattformanbietern und globale Lieferketten.

Technologiewechsel, Bauteilverfügbarkeit oder Plattformentscheidungen großer Halbleiterhersteller können etablierte Strukturen schnell verändern. Die Embedded-Welt befindet sich daher in einer Übergangsphase zwischen stärkerer Standardisierung und weiterhin hoher Individualisierung.

Hardware-SoftwareInteraktion

Ein zentrales Thema war das Zusammenspiel von Hardware und Software. Beide Ebenen sind in Embedded Vision untrennbar miteinander verbunden. Änderungen an Hardware-Komponenten – selbst scheinbar kleine Modifikationen wie ein anderes Speicherbauteil – können erhebliche Auswirkungen auf die Softwarestabilität haben. Die Sicherstellung eines reibungslosen Zusammenspiels erfordert Erfahrung, intensive Tests und kontinuierliche Validierung. Plug&Play entsteht nicht durch Zufall, sondern durch gezielte Vorintegration, Plattformpflege und umfassende Systemtests. Besonders im Kontext von AI-basierten Anwendungen steigt die Komplexität weiter an.

Fazit

Embedded Vision ist heute überwiegend projektgetrieben, selbst wenn standardisierte Module und Plattformen zum Einsatz kommen. Plug&Play-Ansätze existieren, reduzieren jedoch vor allem den Integrationsaufwand, ohne ihn vollständig zu eliminieren. Standardisierung, Partnerschaften und modulare Plattformen treiben die Entwicklung voran, doch Individualisierung, technologische Dynamik und Systemkomplexität sichern dem Projektgeschäft weiterhin eine zentrale Rolle. Embedded Vision bewegt sich damit zwischen Produktisierung und maßgeschneiderter Systemintegration, mit einer klaren Tendenz zu hybriden Modellen.