
Selbst ein Goldfisch verfügt mittlerweile über eine höhere Aufmerksamkeitsspanne als der Mensch der Gegenwart. – Bild: ©turuk/stock.adobe.com
Als an soziologischen Phänomenen interessierter Mitmensch beobachte ich eine heute immer größer werdende Zahl an Studien, die belegen wollen, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des Homo Digitalis in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken sein soll. Zuallererst gilt das mal für die hochentwickelten, medienüberfluteten Industrieländer. Selbst der an dieser Entwicklung möglicherweise nicht völlig unbeteiligte US-Tech-Konzern Microsoft initiierte und veröffentlichte bereits im Jahre 2015 eine Studie, die belegt haben will – hier an dieser Stelle wissenschaftlich sehr verkürzt wiedergegeben – dass selbst ein Goldfisch über eine höhere Aufmerksamkeitsspanne als der Mensch der Gegenwart verfügt. Und zwar schlägt ein gemeiner Goldfisch den noch gemeineren Menschen um eine glatte Sekunde mehr an Aufmerksamkeit, die ein Goldfisch im Vergleich zum Menschen einer einzelnen Sache widmen kann: Laut der Microsoft-Studie verlieren Menschen heute im Allgemeinen bereits nach acht Sekunden die Konzentration – der für seine Konzentrationsmängel in der Tierwelt bekannte Goldfisch hingegen hält neun Sekunden durch. Die Menschheit verfügt also nun über ein neues Aufmerksamkeits-Benchmark.
Woran liegt es? Microsoft stellte die Theorie auf, dass diese Veränderungen auf die Fähigkeit des Gehirns zurückzuführen sind, sich im Laufe der Zeit anzupassen und zu verändern, und dass eine geringere Aufmerksamkeitsspanne eine Nebenwirkung der Entwicklung hin zum mobilen Internet sein könnte. Dass der durch die digitalen Medien selbst ins Leben gerufene Informations-Tsunami zu einer Zunahme an Reizen und zu einer gleichzeitigen Abnahme der Aufmerksamkeitsspanne und Konzentrationsfähigkeit bei Menschen führt (Vorteil: Goldfisch …), bezweifelt also selbst einer der größten Tech-Konzerne der USA nicht mehr ohne Vorbehalt.
Was lernt der Homo Oeconomicus nun daraus? Und tiefer nachgefragt – wie reagieren weltweit Unternehmen, deren Marketingaktivitäten bislang eine qualitativ wie auch quantitativ unbegrenzte, unerschöpfliche und ungeteilte Aufmerksamkeit des Menschen vorausgesetzt haben? Und was müssen Marketingabteilungen jetzt tun, um diese Entwicklung der immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne, wenn schon nicht ganz aufzuhalten, dann aber ihr wenigstens wirksam entgegenzutreten?
Wir müssen die Dosis erhöhen
Das mit der sinkenden Aufmerksamkeitsschwelle ist eigentlich auch schon ein alter Hut. Zumindest hat man in den letzten Jahren von den Betreibern Sozialer Medien den – wie immer sehr professionellen und um unser Wohl bemühten – Rat erhalten, dass z.B. Videos in Beiträgen auf den sozialen Medien eine gewisse Länge nicht überschreiten sollten. Dieser Wert sank über die Zeit kontinuierlich und lag trotzdem ziemlich lange über der maximalen Zeit der Aufmerksamkeit, die selbst der uns in dieser Disziplin überlegene Goldfisch fähig, aber letztlich nicht Willens wäre zu spendieren. Beispiel: Über Werbung bei Tik Tok heißt es, dass ein wirkungsvoller Werbespot eine empfohlene Länge von neun bis maximal 15 Sekunden haben sollte.
Immer kürzere Video-Posts verlangen aber nach einem „Mehr“ vom „Weniger“: Also, mangelnde Aufmerksamkeit sorgt eben auch für eine schwindende Reichweite – und um das zumindest zu kompensieren, muss die Taktzahl erhöht werden, so die Logik. Ab sofort muss die Devise daher lauten: „Flood the Zone!“ Flute das Internet und die Sozialen Medien mit noch mehr vom Gleichen. Der Appell an die Unternehmen lautet nun: Baut dafür riesige Content-Farmen auf, in denen ein Heer an Content Creator für die Massenproduktion von medialen Inhalten artgerecht gehalten werden. Nutzt die Möglichkeiten von KI, damit die Menge an Content exponentiell produziert werden kann, um die teure Heerschar an Content Creator danach möglichst schnell wieder loszuwerden.
Klingt das zu dystopisch? Was kommt jetzt als Nächstes? Wie werden Unternehmen auf diese Entwicklung reagieren? Als Nächstes wird kein Video-Post die Marketingabteilung verlassen, der die Goldfisch-Benchmark überschreitet. Da zu erwarten ist, dass die Überflutung des Internets und der Sozialen Medien mit noch mehr produziertem Content rasant fortschreitet, nähern wir uns dem „Mehr“ von immer „Kürzerem“. Aber die Erlösung wird kommen. Die Prophezeiung verheißt, dass ausgerechnet KI für die Auflösung dieses Dilemmas sorgen wird.
Geburt des Null-Sekunden-Video-Post
KI-Server Farmen sind heute schon „The next big thing“ und sorgen bereits in den nächsten Stunden/Tagen/Wochen und Monaten für das gewünschte „Mehr“ in gleicher Zeit. Gleichzeitig schreitet die Entwicklung des Verlusts an Aufmerksamkeit und Konzentration beim Homo Digitalis weiter voran (Spiel, Satz und Sieg: Goldfisch), so dass die Fünf-Sekunden-Video-Posts schnell den Drei-Sekunden-Posts weichen. Da daraufhin die Menge der KI-produzierten Video-Posts in einer verzweifelten Gegenwehr noch einmal um ein Vielfaches erhöht wird, folgt konsequenterweise die unmittelbare, von Marketing-Fachleuten bejubelte Reaktion: Video-Posts, die länger als eine Sekunde dauern, werden von den Sozialen Medien automatisch für eine Veröffentlichung gesperrt.
Erst dann folgt die Erlösung: Die ersten in Massen produzierten Null-Sekunden-Video-Post lösen die Einsekünder ab. Abermilliarden von KI-produzierten, inhaltsfreien, komplett leeren NoSec-Vids sorgen für den Zusammenbruch des Geschäftsmodells. Nachdem zuerst die einsetzende Überflutung der Sozialen Medien mit gigantischen Mengen von NoSec-Vids für den Absturz von riesigen Server-Cities führt und eine Pleitewelle unter den Tech-Konzernen auslöst, können nach dem Ende der daraufhin einsetzenden weltweiten Finanzkrise die Märkte gerettet werden. Der Absatz von Aquarien mit Goldfischen boomt und wird zu einem maßgeblichen Treiber für die wieder genesende Weltwirtwirtschaft („Attention Spans – Consumer Insights“, Microsoft Canada – erschienen 2015).
Autor: Henning Staerk, Staerk&Staerk Costumer Experience Management GmbH














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