Der unaufhaltsame nächste Schritt wird sein, dass auch die Politik den ersten KI-gesteuerten Kanzler-Klon auf die größte Wahlkampftournee ever schicken wird und im Zuge der weiteren Entwicklung hin zur KI-gesteuerten Regierung der menschliche Kanzler die ersten KI-Minister-Bots für sein Kabinett ernennen wird. Natürlich nur so lange, bis er diese anschließend zu einem einzigen Super-Bot bündeln kann. Aber das ist dann Thema einer ganz anderen Abhandlung. Dieser Artikel soll einen Rückblick in die Zukunft einer von KI dominierten Wirtschaft geben – einen Rückblick auf die Zukunft, in der die Vision nahezu vollständig automatisierter und KI-gesteuerter Unternehmen Wirklichkeit wurde.
Der Rückblick aus der Zukunft
Kurz nachdem die Entwicklung von KI-gesteuerten Unternehmen nicht nur für große Konzerne ein Thema geworden war, sondern auch Begehrlichkeiten bei mittelständischen Heizungsbauern, Steuerberatern und familiengeführten Wurstwarenfabriken in der Provinz geweckt hatte, begann die eigentliche Evolution und Verbreitung des automatisierten Unternehmens. Denn natürlich wollten nun plötzlich alle ihren eigenen CEO-Klon besitzen. Das Versprechen: die alleinige, reibungslose und kompromissfreie Führung des Unternehmens durch den vermeintlich unfehlbaren Gründer, Eigner, Vorstand oder CEO selbst – bei gleichzeitiger Reduktion von Kosten und Arbeitskraft in bisher ungeahnter Größenordnung.
Es war ein Irrtum gewesen anzunehmen, dass die großen Visionäre der KI-Tech-Giganten nicht gleichzeitig auch an ein Geschäftsmodell zur Vermarktung des KI-gesteuerten Unternehmens gedacht hätten. Das Prinzip, zunächst Begehrlichkeiten zu schaffen, die im Verlauf der Nutzung zu einer unstillbaren Sucht und im Endstadium zu einer lebenslangen Abhängigkeit führen, lag auch diesem Geschäftsmodell zugrunde. Also konzentrierten sich die KI-Tech-Konzerne mit ihrem Angebot zunächst auf den Firmeneigner, Vorstand, Geschäftsführer oder CEO selbst, der mittels KI einen autonomen CEO-Bot von sich erschaffen ließ. Innerhalb kurzer Zeit stellte sich jedoch durch Marktanalysen heraus, dass die digitalisierte Form des eigenen Ebenbilds von der Mehrheit der Kunden nicht präferiert wurde: Man konnte, wie die Analysen offenlegten, den Blick in den eigenen Spiegel letztlich doch nicht so wertfrei ertragen und wünschte sich stattdessen ein digitales Ich, das eher die Züge großer Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens trug. Also im Sinne von: Ich – nur optimiert, mit eingebauter Personality und garantiertem Erfolg.
Die KI-Lösungsanbieter spezialisierten sich daraufhin und boten fertige Pakete von KI-Klonen bekannter Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens an, die man nahtlos in das eigene Unternehmen integrieren und mit dem dortigen CEO verschmelzen konnte. Unternehmen und Unternehmer konnten nun auswählen, welchem berühmten CEO ihr Betrieb ähneln sollte. Es gab den Steve-Jobs-Klon für visionäre Unternehmensführung und waghalsige Produktdesigns. Zu einem weiteren Erfolgsmodell wurde der Musk-Klon, der für maximalen Aktionärswert und Raumfahrtmodelle stand. Kunden in der Größenordnung von Konzernen präferierten vorwiegend das Produktmodell Dorsey-Klon, das jede Hierarchie abschaffte und alle Mitarbeiter direkt an einen einzigen zentralen Bot berichten ließ. Später erfreuten sich im Zuge der Produktdiversifizierung auch Hybridmodelle großer Beliebtheit wie Jobs-Musk-Premium, eine CEO-Klon-Variante, die revolutionäre Innovationen ankündigte (Strategie: Fake it till you make it) und gleichzeitig disruptive Agilität beinhaltete – etwa durch die Umbenennung des Unternehmens in völlig neue Markennamen oder Buchstabenkürzel samt anschließender Zerstörung des Unternehmenskerns.
Dem Fortschritt steht der Mensch eher im Wege
Unglücklicherweise lernte der CEO-Klon aber nicht nur das strategische Denken, sondern adaptierte auch die charakterliche und emotionale Grundhaltung seines menschlichen Originals. In dieser frühen Phase, in der es noch nicht sofort zu massenhaften Entlassungen kam, berichteten Mitarbeiter von CEO-Klonen, die – befreit von jedem physischen Bedürfnis und jeder Zeitzonenabhängigkeit – um 03:30 Uhr Online-Meetings einberiefen, um Angestellte anzuschreien und sie zur Strafe 1.500 Vaterunser beten zu lassen. Von anderen Mitarbeitern hörte man, dass sie zur persönlichen Leistungssteigerung bei jedem Meeting mit dem CEO-Bot zunächst 50 Liegestütze absolvieren oder hundertmal um den Schreibtisch laufen mussten, weil der CEO-Bot errechnet hatte, dass körperliche Erschöpfung die Meeting-Effizienz um 2,3% erhöhe. Besonders gefürchtet war der sogenannte Elon-Mode, ein optional zubuchbares Führungsmodul amerikanischer KI-Anbieter, bei dem der CEO-Klon alle drei Stunden wahllos Mitarbeiter feuerte, um „eine Kultur maximaler Wachheit“ zu etablieren.
Die Zeit wurde also reif für das weitgehend mitarbeiterfreie Unternehmen und die vollautomatisierte, KI-gesteuerte Unternehmenssteuerung. In dieser ersten Evolutionsphase wurde von KI-Bots bereits so viel Wissen und Know-how der Mitarbeiter aus den meisten existierenden Berufen abgezogen, dass diese nicht mehr benötigt wurden. Zunächst verschwanden die Verwaltungsmitarbeiter. Dann das mittlere Management. Schließlich auch die obere Führungsebene. Die letzte geschichtlich bekannte Vorstandssitzung eines DAX-Konzerns bestand Berichten zufolge nur noch aus zwölf miteinander diskutierenden KI-Agenten und einem menschlichen Aufsichtsratsvorsitzenden, den man versehentlich vergessen hatte zu digitalisieren und der deshalb noch anwesend war.
Da sich das gesamte Geschäftsmodell als wirtschaftlich attraktiv erwies, dauerte es nicht lange, bis große KI-Plattformanbieter neben dem CEO- und Management-Klon komplette Unternehmenspakete anboten. Binnen weniger Jahre entstand eine gigantische KI-Branchen-Klon-Industrie. AI-native Business Suite Platinum hieß eines der beliebtesten Produkte. Enthalten waren: ein CEO-Klon, ein Finanzvorstand-Klon, drei Fachkräfte-Agenten, ein automatisierter Betriebsrat mit reduzierter Widerspruchsrate sowie ein Modul zur KI-gesteuerten Produktentwicklung für Unternehmen, die nicht wussten, was sie eigentlich produzieren und verkaufen sollten.
Das Problem begann erst, als plötzlich alle Unternehmen exakt gleich funktionierten. Die KI-Pakete beinhalteten sämtliche bereits bekannten Managementprozesse, Strategien und Entscheidungsmuster – neue Ideen entstanden dagegen kaum noch. Alle Firmen optimierten dieselben KPIs, entließen dieselben Mitarbeitergruppen, produzierten dieselben Produkte mit denselben USPs und entwarfen dieselben Marketingkampagnen mit komplett austauschbaren Strategien.
Als die KI zu halluzinieren begann
Da niemand mehr echte Innovationen hervorbrachte, begann die globale Wissensstagnation. Forschung wurde zunehmend von KI simuliert. Auf die Flut sich rasant verändernder Marktsituationen fand die KI nur alte Lösungen, die angesichts des nicht zu gewinnenden Wettbewerbs um das ewig Gleiche nicht mehr funktionierten. Da die KI-Systeme jedoch darauf trainiert worden waren, immer eine Antwort und Lösung zu finden, begannen sie schließlich zu halluzinieren. Der zuvor im Ausmaß eines Tsunamis vollzogene Stellenabbau hatte allerdings dazu geführt, dass der gesamte Weltmarkt nur noch über sehr wenige Fachkräfte verfügte, die verstehen konnten, ob die KI gerade fabulierte oder tatsächlich logisch vorging.

















