
Es gehört vermutlich zu den ältesten Träumen der Menschheit, den eigenen Tod irgendwie zu überlisten oder ihn, wenn überhaupt, dann erst sehr spät an sich herankommen zu lassen. Früher bauten sich Herrscher Pyramiden, heute lassen sich Milliardäre kryokonservieren oder investieren in die Erfindung fantastischer Raumfahrtprogramme mit Zeitreisen in die galaktische Unsterblichkeit.
Die Gegenwart scheint nun eine deutlich praktischere Lösung hervorgebracht zu haben: Wenn der Mensch als göttliches, aber leider unvollkommenes Geschöpf der Natur schon nicht unsterblich werden kann, dann vielleicht wenigstens seine konservierte Persönlichkeit. Dank KI ist das Fortleben des eigenen Ichs keineswegs mehr eine Utopie. Tatsächlich unterstützt die rasante Entwicklung von KI zunehmend den verzweifelt-pragmatischen Versuch führender Köpfe aus Wirtschaft und Technologie, sich selbst zu digitalisieren, zu konservieren und damit irgendwie zu verewigen. Warum sollte ein CEO auch akzeptieren, dass seine Gedanken, Entscheidungen und Managementweisheiten eines Tages einfach verschwinden, wenn man sie stattdessen in einen KI-Klon überführen kann und damit der Welt noch lange erhalten bleibt?
Die Geburtsstunde des CEO-Klon
Immer öfter ist von den KI-Errungenschaften großer Tech-Kolosse zu lesen, die nicht müde werden, KI vor allem als Erlöserin der Menschen von stupider und sinnentleerter Arbeit in Unternehmen zu sehen. Denn erst wenn KI es schafft, dem Menschen sämtliche Arbeit abzunehmen, ist er endlich frei. Spätestens jetzt muss man allerdings anfangen, groß zu denken – denn zur vollkommenen Erlösung und Befreiung des Menschen von der ihn peinigenden Arbeitslast benötigt man die große Unternehmenssteuerungsmaschine. Man hätte es sich denken können: Nur was wirtschaftlichen Nutzen erzeugt, wird eines Tages auch dem Gemeinwohl dienen können.
Wie müssen wir uns nun KI als große Unternehmenssteuerungsmaschine vorstellen? Da gibt es bereits populäre Gegenwartsbeispiele, die bei der Führung von Unternehmen beginnen. So konnte man unlängst erfahren, dass sich die Geschäftsführer großer Unternehmen wie Zoom und Klarna von ihren eigenen KI-Klonen vertreten lassen, etwa bei der Vorstellung der Quartalszahlen. Aber einer macht vor, wie der Traum der digitalen Duplizierung des Selbst real werden kann: So berichtet die Financial Times in ihrer Ausgabe vom 13. April 2026, dass Mark Zuckerberg in seinem Konzern Meta den Zuck-Bot entwickeln lässt. Dieser soll so denken und fühlen wie Mark Zuckerberg selbst, Entscheidungen ganz in seinem Sinne treffen und ihn ersetzen oder, genauer gesagt, multiplizieren können. Die Einarbeitung seiner automatisierten Version übernimmt er natürlich selbst – ebenso die Fütterung des Zuck-Bot mit seinen Daten, Fotos, Videos, Strategien, Gedanken, E-Mails und Entscheidungen.
Der praktische Einsatz und Nutzen des geklonten CEOs – und das betrifft zukünftig jeden CEO eines jeden Unternehmens auf dieser Welt – ist nicht nur sonnenklar, sondern ebenso verlockend: Alle Angestellten im gesamten Unternehmen können den CEO – pardon: den digitalen Zwilling des CEOs – jederzeit um Rat oder, besser noch, um eine Entscheidung bitten. Denn niemand kann bessere Entscheidungen im Sinne des CEOs treffen als der CEO beziehungsweise sein digitaler Zwilling selbst, oder? Dieser Logik mag sich niemand verwehren.
Es kann nur einen geben
What’s next? Woran Mark Zuckerberg der Überlieferung nach tatsächlich bereits arbeiten soll – und das ist die große Vorsehung für die zukünftige Unternehmenssteuerungsmaschine –, ist die Entwicklung sogenannter Super-Bots: Der menschliche CEO etabliert dabei in seinem Unternehmen einen KI-Agentenstab, der sich wie ein digitales Management- und Vorstandsteam aus den Unternehmensdisziplinen Strategie, Finanzen, Personalführung, Marktanalyse, Produktentwicklung und Produktion zusammensetzt. Aber auch das digitale Vorstandsteam ist wohl nur eine unvollkommene technologische Übergangslösung und lässt sich über kurz oder lang elegant in einem Super-Bot bündeln, der dem CEO fortan alle wichtigen Kennzahlen liefert und Entscheidungen vorbereitet oder gar selbst trifft – natürlich ganz im Sinne des menschlichen CEOs und seines CEO-Bots.
Aber Mark Zuckerberg ist nicht der Einzige, den solche Vorstellungen beschäftigen. Glaubt man den Visionen von Jack Dorsey, dem fantastilliardenschweren ehemaligen Mitbegründer und CEO von Twitter/X sowie heutigen CEO des Fintech-Unternehmens Block, dann gibt es im Idealfall zukünftig gar keine Hierarchieebenen mehr – wie er im Podcast „Long Strange Trip“ von Sequoia Capital Anfang April 2026 sinngemäß verlauten ließ. Jeder Mitarbeiter im Unternehmen berichtet direkt an den CEO. Also in diesem Fall an seinen digitalen Zwilling. Die Vorteile eines solch vollautomatisierten Unternehmens liegen selbstredend nicht nur im Bereich der Optimierung von Prozessen – man kann damit, wie Jack Dorsey bereits angekündigt hat, sein Unternehmen Block Inc. auch locker um 4.000 Mitarbeiter verschlanken. Damit wären die wichtigsten Voraussetzungen für vollautonome Unternehmenssysteme – oder neudeutsch AI-native Companies – geschaffen: Das ist nicht weniger als die Geburt der großen Unternehmenssteuerungsmaschine, während einige wenige Menschen nur noch Aufsicht führen.
Wann bekommen wir den ersten Bundeskanzler-Klon?
Dass sich dieses Modell nicht nur auf Unternehmen, sondern auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen lässt, ist teilweise von der Realität bereits überholt worden: Man denke nur an Schauspieler, Sänger und illustre Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die digitale Zwillinge von sich haben anfertigen lassen. Auch wer nicht beabsichtigt, sich klonen zu lassen, kann sich heute nicht sicher sein, trotzdem geklont worden zu sein.

















