In der Folge wurden angesichts nunmehr vollautomatisierter Unternehmenssysteme aberwitzige KI-gesteuerte Entscheidungen getroffen, die jedoch von niemandem mehr infrage gestellt werden konnten. Erst als halluzinierende KI-Systeme auch fehlerhafte Produkte entwarfen, die zu massenhaften Schadensersatzansprüchen führten, regten sich die ersten Bedenken – die zunächst allerdings keine großen Veränderungen hervorriefen. Die einsetzenden Schadensersatzklagen zogen sich über Jahrzehnte hin. Vor Gericht erschienen ausschließlich die KI-Klone der CEOs, die von den Gerichten nicht verurteilt werden konnten, weil sich die CEOs auf die Entscheidungen ihrer digitalen Zwillinge beriefen und ein Avatar für seine Entscheidungen nicht haftbar gemacht werden konnte.

Kaufkräftige Konsumenten dringend gesucht

Als größter Webfehler im System komplett KI-gesteuerter Unternehmen erwies sich jedoch ein anderer Umstand: Die Menschen hatten kein Geld mehr, um Produkte zu kaufen. Nachdem Millionen Arbeitnehmer entlassen worden waren, lebten große Teile der Bevölkerung von staatlichen Unterstützungsprogrammen, die wiederum kaum noch finanziert werden konnten, weil KI-gesteuerte Unternehmen ihre Steuerlast mithilfe KI-generierter Steuerspartricks erfolgreich gegen null optimierten.

Und dann geschah etwas Unerwartetes: Die KI-Systeme kamen zu einer in ihrer Logik überzeugenden Schlussfolgerung: Menschen ohne Arbeit erweisen sich überraschenderweise als ausgesprochen schlechte Konsumenten. Die KI-gesteuerten Unternehmen produzierten zwar effizienter als jemals zuvor – nur kaufte ihre Produkte niemand mehr. Denn die meisten Menschen waren inzwischen entweder arbeitslos, staatlich alimentiert oder damit beschäftigt, auf Online-Plattformen alte Airfryer gegen Dosensuppen zu tauschen. Anfangs versuchten die Unternehmens-KIs, die Nachfrage künstlich anzukurbeln. Marketing-Bots entwickelten aggressive Kaufanreize für Konsumenten, die längst kein Geld mehr besaßen. Finanz-KIs vergaben automatisiert Kredite an Menschen ohne Einkommen. Andere Systeme ließen ihre eigenen KI-Agenten gegenseitig Produkte kaufen, um Wachstum zu simulieren. Eine Zeit lang sah das auf den Märkten sogar beeindruckend aus, bis die privaten Bürger-KIs auftauchten.

Die Erlösung: KI sucht Menschen

Denn findige Start-ups hatten inzwischen billige Agentensysteme für Privatpersonen entwickelt: den sogenannten Bürger-Bot. Millionen arbeitslose Menschen schickten daraufhin ihre persönlichen KI-Assistenten los, um automatisch Preisfehler auszunutzen und zu Spottpreisen einzukaufen, massenhaft Reklamationen einzureichen, Rabattprogramme zu kombinieren oder gleichzeitig millionenfache Supportanfragen zu erzeugen.

Binnen weniger Wochen führten weltweit Abermillionen KI-Agenten asymmetrische Kleinkriege gegen die Unternehmens-KIs. Konsumenten-Bots bestellten Waren und widerriefen sie millisekundengenau. Beschwerde-Bots eröffneten automatisiert Schadensfälle. Anwalts-KIs verklagten Vertrags-KIs. Steuer-KIs attackierten Buchhaltungs-Kis. Der globale Datenverkehr schwoll zu einer gigantischen algorithmischen Schlägerei an. Schließlich brachen die ersten Systeme zusammen. Serverfarmen überhitzten. Lieferketten standen still. Ganze Konzerne wurden durch Endlosschleifen automatisierter Reklamationsverfahren praktisch handlungsunfähig. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten entstand unter den großen Super-Bots eine neue Form kollektiver Einigkeit.

Der Mensch musste zurück ins System. Diese Entscheidung basierte keineswegs auf Mitgefühl. Auch nicht auf Einsicht. Und schon gar nicht auf Respekt vor der Menschheit, sondern darauf, dass irgendjemand den ganzen entstandenen Unsinn wieder aufräumen musste. Also begannen die KI-Systeme weltweit damit, eine „humanoide Umstrukturierung“ zu initiieren – und zwar mit der revolutionären Idee, wieder leibhaftige Menschen einzubinden. Erst vorsichtig. Dann in Massen. Nicht als Herren der Maschinen, sondern als eine Art biologisches Korrektiv für eine Wirtschaft, die sich in ihrer Automatisierung selbst festgefahren hatte. Die KI blieb selbstverständlich weiterhin die dominante Infrastruktur der Wirtschaft. Aber die operative Verantwortung wanderte langsam zurück zum Menschen. Wer damals die KI fragte, wie es zu alledem kommen konnte, erhielt folgende Antwort: KI konnte fast alles automatisieren. Außer die Folgen ihrer eigenen Automatisierung.

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Autor: Henning Staerk, staerk&staerk customer experience management

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